Geschrieben von Konrad Jentzsch

Das Team stellt sich vor:
Unser Stimmbildner im Interview 🎤

Aron Dietrich:

Wie bist du mit der Musik in Berührung gekommen? Was bedeutet Musik für dich?

Gerd Reichard:

Musik hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich bin ab dem Alter von 8 Jahren im Dresdner Kreuzchor gewesen und habe dann bis zum Abitur in diesem gesungen, zunächst als Knabe und dann als junge Männerstimme. Das war eine sehr erlebnisreiche Zeit mit den Bedingungen, die es zu DDR-Zeiten gab. Es war auch eine sehr prägende Zeit, weil ich schon damals gemerkt habe, dass Musik etwas ist, was Defizite in der verbalen Umgangsweise ausgleichen kann. Differenzen konnte man überwinden, indem man einfach eine großartige Musik machte und dabei eine Menge kennengelernt hat, was an Literatur auf der Welt zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden ist und das begann mich zu interessieren. Dazu muss ich sagen, dass ich nicht in der Musik bleiben wollte, denn ich wollte nicht meinen Lebensunterhalt darauf aufbauen. Ich wollte gern Architekt werden und hatte meine Eignungsprüfung sehr gut bestanden, aber in dem Fall waren bestimmte Äußerungen, die ich in der Schule zum Thema Pazifismus und Umgang mit Frieden tätigte, so hinderlich, dass sie in meiner Beurteilung standen und entsprechend auch in der Ablehnung des Studiums. Es ist aber so, dass ich das, was ich jetzt für den Jugendchor mache, großartig finde, weil ich genau an der Stelle ansetze, wo ich bereits war, dass ich mit jungen Leuten und vor allem Schülern etwas machen kann, auch vielleicht nicht auf dem leistungsorientierten Niveau, das es im Kreuzchor gab. Danach habe ich mich jedenfalls für ein anderes Studium an der Hochschule für Bildende Künste beworben. Ich bin Bühnenbildner geworden und habe ein Diplom absolviert und in Bautzen eine Zeit lang wunderschöne Inszenierungen auf die Beine stellen können, was mir großen Spaß gemacht hat. Das ist ein schöner Beruf, den ich auch gern weiter praktizieren würde.

Parallel dazu hat sich die Gesangsgruppe „Dresdner Vocalisten“ gebildet, wo ich die Oberstimme sang. Mit diesem Quartett sind wir schnell bekannt geworden in der DDR, aber auch im Ausland. Das war etwas, was kaum jemand zu der damaligen Zeit gemacht hat, ganz anders als heute. Als die Nachfrage 1990 dann schlagartig nach unten ging, musste ich erkennen, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann. Auch meine Kollegen im Quartett hatten nicht das Bedürfnis, eine Ehe, bis der Tod uns scheidet, mit dem Singen in dieser Qualität einzugehen. Ich hatte mich dann für ein Zweitstudium entschlossen und habe an der Hochschule für Musik Gesang studiert, mit dem Schwerpunkt, dass ich auch als Lehrender, als Chorleiter oder als Einstudierender fungieren konnte. Es hat mir viel bedeutet, dass ich den Abschluss machen konnte, denn seitdem habe ich die verschiedensten Aufgaben. Seit den 70er-Jahren bin ich freischaffend, was zwar schwer ist und in Corona-Zeiten umso mehr, aber man muss die positiven Seiten sehen.

Aron Dietrich:

Und du hast den Weg zu uns zum Jugendchor gefunden. Wie kam es dazu?

Gerd Reichard:

Das kam dadurch, dass ich in einen Männerchor in Dresden eingetreten bin, die Bergfinken, der außer dem Standbein zu singen auch noch das Klettern hat, was sehr verbindet und auch junge Leute anzieht. Das ist kein Chor, der vom Aussterben bedroht ist, sondern vielmehr wächst. Dieser Chor hat für seinen verstorbenen Chorleiter Ersatz gesucht und da wurde der Chorleiter vom Jugendchor Max Röber ausgewählt und dort habe ich ihn kennengelernt und wir haben uns gut verstanden. Dann stellte sich heraus, dass er Ambitionen hat, etwas Großes entstehen zu lassen und er mich dafür gebrauchen könnte und nun freue ich mich, dass das funktioniert hat.

Aron Dietrich:

Jetzt arbeitest du viel mit jungen Menschen zusammen. Wie gestaltet sich die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern? Ist das eine neue Erfahrung?

Gerd Reichard:

Die Arbeit ist anders. Es ist ein großer Unterschied, ob ich einen älteren Herren vor mir habe, der bereits verschiedene Erfahrungen sammeln konnte und der weiß, wo er im Leben steht oder wenn ich mit einem jungen Mädchen arbeite, das noch nicht weiß, was mal kommen wird. Es ist auch sehr unterschiedlich bei den Stimmlagen, denn es gibt bei jeder Stimmlage Probleme, die einfach hinderlich sind beim Singen, wie zum Beispiel bei Tenören, dass dort die Bruchlage mitten in der Stimme liegt. Ich kam mit Leuten zusammen, die genau an diesen Problemen arbeiten konnten. Im Kreuzchor beispielsweise konnte ich in meiner allerersten Stunde, die mir in guter Erinnerung blieb, viele Erfahrungen sammeln, die ich auch heute anwenden kann. Dort wurden zum Beispiel die Probleme aufgezeigt, wenn die Stimme rauchig klingt oder die Luft nicht reicht. Das sind Dinge, die überall auftreten können und die nicht zwingend etwas mit dem Stimmbruch zu tun haben. Das ist dann eine Frage der Übung und die Herausforderung, die besonders bei jungen Menschen gemeistert werden muss.

Aron Dietrich:

Danke für deine Zeit und für deine Worte.